Episode 33: Fiktion und Prävention
Johannes Becker spricht mit Stefan Willer (HU Berlin) über sein Buch »Präventionsfantasien. Zukunftssicherung in der Gegenwartsliteratur« (Berlin: De Gruyter 2026). Darin untersucht er, wie literarische und filmische Fiktion und präventives Zukunftsdenken zusammenhängen.
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Becker versteht Prävention als den Versuch, die Zukunft durch Vorstellungen von Sicherheit berechenbarer zu machen. Sie erscheint als gesellschaftliche Technik, die Zukunft gestaltet, indem sie bestimmte Entwicklungen verhindern will. Eine lückenlose Kausalität zwischen Gegenwart und Zukunft lässt sich allerdings nicht herstellen, die Zukunft bleibt immer offen. Präventive Maßnahmen können den Raum des Möglichen zwar beeinflussen, aber nie vollständig kontrollieren und sind daher auf Fiktionen angewiesen. Wie lässt sich dieser Möglichkeitsraum in Literatur und Film gestalten?
Daniel Suarez’ »Daemon«-Reihe zieht eine von Gaming und Online-Rollenspielen inspirierte Parallele zwischen präventiver Handlungsmacht und fiktionaler Handlung. Der oft beschworene Gegensatz zwischen Freiheit und Sicherheit wird dabei aufgelöst: Sicherheitsmaßnahmen erscheinen nicht als Einschränkung, sondern als Zugewinn an Freiheit, sofern sie auf gemeinschaftlichen Beteiligungs- und Entscheidungsprozessen beruhen. Mit ihrer Vision einer technologisch geprägten Utopie steht die Reihe zugleich in der Tradition marxistisch inspirierter Science-Fiction.
Einen anderen Weg geht Jeff Nichols’ Film »Time Shelter«. Statt das Panorama einer ganzen Gesellschaft zu entwerfen, richtet er den Blick auf die Zukunftssicherung im Privaten. Becker liest den Film im strukturalistischen Sinne als fantastische Erzählung, in der innerhalb einer fiktionalen Wirklichkeit zwei Wirklichkeiten nebeneinander bestehen, aus deren Gleichzeitigkeit die Spannung entsteht. In Colson Whiteheads Zombie-Roman »Zone One« ergibt sie sich dagegen aus der Erschütterung der zeitlichen Ordnung. Diskrepanzen zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit lenken den Blick auf das Verhältnis von Sicherheit der Verlässlichkeit fiktionalen Erzählens.
Die Analysen machen eine gemeinsame Tendenz in Literatur und Film sichtbar: Drohendes Unheil soll abgewendet werden, indem es benannt und vorgestellt wird. In Katja Thomas’ Satz »Wenn ich es mir vorstelle, wird es niemals geschehen« nimmt diese Vorstellung beinahe die Form magischen Denkens an.
Die Darstellung unheilvoller Gegenwart und bedrohlicher naher Zukünfte erfüllt mehrere Funktionen. Einerseits kann sie entlastend wirken, weil Risiken erzählbar und damit greifbar werden. Andererseits eröffnen Unheilsszenarien, die in der unmittelbaren Gegenwart verortet und über soziale Nahbeziehungen vermittelt werden, neue Möglichkeiten literarischer und künstlerischer Weltgestaltung. So erweitern Literatur und Film unsere Vorstellungen davon, was Gegenwart und Zukunft sein könnten.
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Johannes Becker studierte Neuere deutsche Literatur, Amerikanistik und Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er arbeitet als Schriftsteller und Übersetzer und war von 2014 bis 2017 Doktorand im von Stefan Willer geleiteten Projekt »Sicherheit und Zukunft. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Security Studies« am ZfL. Stefan Willer ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 2010–2018 war er stellvertretender Direktor des ZfL und leitete dort unter anderem die Projekte »Übersetzungen im Wissenstransfer« (2014–2016) und »Prognostik und Literatur« (2010–2013).