Episode 29: Peripherie und Verbannung
Ivana Perica und Aurore Peyroles (beide ZfL) sprechen über ihre Bücher »Politics, Literature and Tertium Datur« (London: Bloomsbury 2025) und »Voyages au bout de la banlieue« (Berlin: De Gruyter 2025). Beide eint die Neugier für die Peripherie und Phänomene der Verbannung und des Ausschlusses. Trotz unterschiedlicher Schauplätze, Zeiten und Gegenstände treten die Bücher als einander ergänzende Unternehmungen in einen Dialog miteinander.
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Aurore Peyroles unternimmt eine Reise in die Pariser Banlieue und die mit ihr verknüpfte Vorstellungswelt – von Honoré de Balzac über Victor Hugo bis Louis-Ferdinand Céline. Die Banlieue, in die historisch sowohl Friedhöfe als auch Fabriken und somit Tod und Arbeit verbannt wurden, lässt sich als ein Gegen-Ort zu Paris lesen, der »Hauptstadt der Moderne« (Benjamin). Von der Peripherie her wird so das Zentrum infrage gestellt. In der französischen Literatur entlarvt sie zugleich die republikanischen Versprechen, indem sie als Raum des Durchgangs und der Anonymität geschildert wird, wo keine demokratische Teilhabe an einer vorgestellten nationalen Gemeinschaft möglich ist.
Die historische Banlieue Rouge der 1930er Jahre, Schauplatz politischen Aufruhrs und revolutionärer Energie, bleibt in der Literatur überraschend randständig. Dass die Banlieue überhaupt Darstellung in der Literatur findet, kann jedoch im Sinne Rancières als politisch verstanden werden, steht dahinter doch häufig die Absicht, diese sonst unsichtbaren Menschen und Lebensrealitäten zu zeigen. Das Schreiben über die Banlieue macht somit sichtbar, was im Verborgenen liegt und legt zugleich das Unsichtbare der Norm frei.
Auch bei Ivana Perica steht der Wandel von Orten des literarischen Geschehens und politischer Debatten im Mittelpunkt. Sie untersucht, wie an den historischen Knotenpunkten 1928 und 1968 in Berlin, Wien, Prag und Zagreb sowie Belgrad das Verhältnis von Literatur und Politik verhandelt wurde. Besonders interessieren sie die Diskussionen um ein »Tertium Datur« (Lukács), einen sozialistischen dritten Weg, in den 1920er Jahren und ihr Nachleben nach 1945. Immer wieder stellt sich dabei die Frage, was zuerst kommen soll: revolutionäre Kunst oder die Revolution?
In den Debatten von 1928 zeigt sich eine politische Literatur, die sich von der auf die Autonomie der Kunst fixierten unterscheidet, die sich nach 68 vor allem im Westen etablierte. Viele der häufig parteilich organisierten linken Autor:innen der Zwischenkriegszeit sahen sich und ihr Schreiben als Teil einer kollektiven Bewegung. Sie agierten jedoch nicht als dogmatische Sprachrohre politischer Parolen, sondern verstanden ihre Texte als kundschaftende Beiträge zu einer lebendigen Kontroverse. In internationalen intellektuellen Netzwerken wurde diese differenzierter geführt, als es der enge Blick auf Moskau als Zentrum der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Zeit nahelegt.
Die Frage, was politische Literatur ist, was sie leisten kann und soll und welches Politikverständnis ihr zugrunde liegt, ist auch heute noch aktuell. Sie stellt sich etwa bei Joseph Ponthus, der diskutiert, ob der Aussteiger oder der bekennende Aktivist die ›wahre‹ politische Figur ist, sowie in der Autosoziobiographie, in der die Banlieue als kultureller Identitätsmarker und als Ort zurückerobert wird, von dem aus – und nicht nur über den – geschrieben wird.
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Die Literaturwissenschaftlerin Ivana Perica und die Romanistin Aurore Peyroles sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen im Projekt »Kartographie des politischen Romans in Europa am ZfL«.