Episode 30: Wissensgeschichte des Verhaltens
Sophia Gräfe (HU Berlin) und Georg Toepfer (ZfL) sprechen über den von ihnen herausgegebenen Band »Wissensgeschichte des Verhaltens. Interdisziplinäre Perspektiven« (Berlin/Boston: De Gruyter 2025). Das Buch untersucht, wie sich an verschiedenen Orten und in verschiedenen Disziplinen Wissen über Verhalten gebildet, verändert und institutionalisiert hat.
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Doch was ist eigentlich Verhalten? Die Biologie der 1950er und 60er Jahre betrieb erheblichen Aufwand, dies zu klären. Die in den 1930er Jahren entstehende Ethologie löste sich von der Laborphysiologie des 19. Jahrhunderts und beobachtete – Ernst Haeckel und Jakob von Uexküll folgend – Organismen in ihrer Umwelt. Zur Bestimmung arttypischer Verhaltensweisen entwickelte sie Experimente und markierte damit stets auch Abweichungen von der Norm. Verhaltenswissen ist somit an Verfahren der Sicht- und Erzählbarmachung gebunden und doppelt kodiert: als empirisches Geschehen und als moralisch-sozialer Maßstab. Seine historische Tiefenschichtung – von höfischen Benimmregeln über juristische Regulierungen bis hin zur modernen Biologie – verweist auf eine lange Geschichte der Disziplinierung und Anpassung.
Die Popularität der Verhaltenswissenschaft gründet dabei vor allem in ihrem Umweltbezug. Prominent zeigt sich dies in den beliebten Tierfilmen von Konrad Lorenz, in denen das Versprechen eines harmonischen Miteinanders von Mensch und Tier transportiert wird. In der Nachkriegszeit schloss daran die Kybernetik an, die Organismen als Regulationssysteme verstand, die ihr Verhältnis zur Umwelt über Rückkopplungskreisläufe regulieren – auch dies eine Form von Verhalten.
Die Beiträge des Sammelbands zeigen, dass die Verhaltensforschung stets politische Implikationen hat: Wer nach Ursachen und Auslösern für bestimmtes Verhalten fragt, verhandelt Verantwortung und Schuld, was stets auch Folgen für die Gemeinschaft hat. Ein historisierender Blick auf die Zuschreibung und Aberkennung von Verhalten bei Menschen, Tieren, Maschinen oder Pflanzen macht Konflikte um Autonomie, Norm und Abweichung sichtbar. Begriffe wie ›Zucht‹ und ›Zähmung‹, die den Verhaltensdiskurs begleiten, offenbaren ideologische Prägungen biologischer Konzepte. Die Instrumentalisierung verhaltensbiologischen Wissens ist jedoch kein rein historisches Phänomen. Verhalten als zu regulierende Größe begegnet uns auch heute in verschiedenen Politikfeldern von der Gesundheits- bis zur Verkehrspolitik sowie im ökonomisch motivierten Nudging.
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Die Medien- und Kulturwissenschaftlerin Sophia Gräfe leitet gemeinsam mit Claudia Mareis und Peter Fratzl das Projekt »Material Form Function« am Exzellenzcluster »Matters of Activity«. In ihrer Promotion am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin entwickelt sie eine Medien- und Wissensgeschichte des Verhaltens. Von 2018–2019 war sie Gastwissenschaftlerin im Programmbereich Lebenswissen des ZfL. Der Biologe und Philosoph Georg Toepfer ist Ko-Leiter des Programmbereichs und leitet dort die Projekte »Diversität. Begriffe, Paradigmen, Geschichte« und »Aitiologien in den Wirklichkeitserzählungen der Naturwissenschaften: Zur epistemischen Funktion von Ursprungs(re)konstruktionen«. Frühere Forschungsprojekte widmeten sich »Lebenslehre, Lebensweisheit, Lebenskunst« und den »wandernden Grenzen der Biologie«.