Episode 32: Sternenbegeisterung (um 1900)
Sophie-C. Hartisch spricht mit Eva Geulen (beide ZfL) über ihr Buch »Stern und Kosmos. Astrale Konstellationen in der Lyrik um 1900« (Göttingen: Wallstein 2026). Darin zeigt sie, dass die allgegenwärtige Beschäftigung mit der Sternenwelt um 1900 sich nur in einer gattungs- und disziplinenübergreifenden Perspektive erschließen lässt.
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Der Blick in den Sternenhimmel ist besonders in der Lyrik der Jahrhundertwende präsent. Astrale Konstellationen sind nicht nur ein häufiges Gedichtmotiv, sondern stehen auch in enger Beziehung zur Form der Gedichte selbst. In den Formexperimenten Stéphane Mallarmés erkennt Paul Valéry beispielsweise den Versuch, den Kosmos auf Papier zu bannen. In den dunklen Umrissen der Schrift auf dem hellen Blatt sieht er die visuelle Inversion der hellen Sterne vor dem dunklen Firmament. Zugleich sprengen Mallarmés Konstellationen die lineare Ordnung der Schrift auf. Dies zeuge vom Verlust von Ganzheit und Kontinuität in der Moderne, den Georg Lukács als transzendentale Obdachlosigkeit beschreibt.
Die materialreiche Studie erzählt jedoch nicht nur diese wirkmächtige Verlustgeschichte. Sie macht vielmehr sichtbar, wie stark um 1900 auch Vorstellungen von Kontinuität und Verbundenheit im Astralen fortwirken. Das zeigt sich in der anhaltenden Annahme eines Zusammenhangs zwischen kosmischer und moralischer Ordnung ebenso wie bei Denkern wie Georg Simmel, für den der Blick in den Sternenhimmel das alle Menschen Verbindende darstellt. Das Vertrauen in den vereinenden Sternenhimmel drückt sich um 1900 auch in der Mythenforschung, der populären Planetenlandschaftsmalerei und der wiederauflebenden Begeisterung für die Astrologie mit ihrem Versprechen von Ganzheit aus.
Wie unterschiedlich das Astrale gedeutet wurde, zeigen seine politischen Aneignungen im frühen 20. Jahrhundert. Im George-Kreis etwa diente der Bezug auf den Sternenhimmel dazu, eine klar abgegrenzte und hierarchisch geordnete Gemeinschaft zu begründen. Die Berufung der mit George verbundenen Kosmiker auf einen über die ›Blutlinie‹ geteilten Boden lässt sich als düstere Umkehrung von Simmels Vorstellung eines alle verbindenden Himmels lesen und weist bereits auf die Blut-und-Boden-Ideologie der Nationalsozialisten voraus. In der Exildichtung dagegen bietet der Blick in den Sternenhimmel oft letzten Halt in einer unsicheren Welt, während der ›Leitstern‹ Orientierung für die Zukunft verspricht, was auch in kommunistischen und sozialistischen Aneignungen und symbolischen Aufladungen des Astralen zu beobachten ist.
Nach dem Ersten Weltkrieg entsteht mit dem Planetarium ein neuer Ort, an dem der Kosmos erfahrbar wird. Bei Bertolt Brecht avanciert er zum Modell fürs Theater als Ort des Lernens und der Erfahrung. Bei Walter Benjamin kann der durch neue Technik greifbar werdende Kosmos einen Ausweg aus der Erfahrungsarmut der Moderne eröffnen – vorausgesetzt, die Verfügung über diese technischen Mittel liegt bei den Richtigen.
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Die Literaturwissenschaftlerin Sophie-C. Hartisch ist akademische Rätin auf Zeit am Institut für Germanistik der Universität Bonn. Für ihre 2024 an der Universität zu Köln abgeschlossene Dissertation »Astrale Konstellationen in der Lyrik um 1900. Stern und Kosmos als Zeitsignatur der Moderne« erhielt sie den Carlo-Barck-Preis 2025 und arbeitet derzeit als Carlo-Barck-Preis-Stipendiatin mit ihrem Projekt »Kohärenz. Die Poetik des Zusammenhangs« am ZfL. Die Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen ist die Direktorin des ZfL, Vorstandsmitglied der Geisteswissenschaftlichen Zentren Berlin und Professorin für europäische Kultur- und Wissensgeschichte am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin.